Konzeption

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Warum ein Waldkindergarten für Braunfels und Weilmünster?

Der Verein „Die Waldracker, Waldkindergarten Braunfels, Weilburg & Weilmünster e.V.“ geht aus einer Elterninitiative hervor, die im Herbst 2000 nach einer bereichernden Erweiterung des regionalen Kindergartenangebotes suchte.

Mit dem Wissen, dass 60% der Schulkinder Haltungsschwächen- oder Schäden aufweisen, 30% Übergewicht haben, 30% ein schwaches Herz-Kreislaufsystem besitzen und sich bei 3-5% motorische Auffälligkeiten nachweisen lassen, fiel die Wahl auf das pädagogische Konzept des Waldkindergartens, das den Bewegungsdrang der Kinder befriedigt und die Kinder wieder in einen schon fast vergessenen Lebensraum, den Wald, einführt.

Nicht umsonst hat sich in der Soziologie und in der Psychologie der Begriff „verhauslichte Kindheit“ gebildet. Heutzutage spielen die Kinder wesentlich seltener unbeaufsichtigt und erheblich seltener draußen, als noch ein bis zwei Generationen vor ihnen. Viele können mit ihrer Freizeit nichts mehr anfangen, wissen nicht, was sie alleine machen sollen und brauchen vor allem Hilfsmittel wie Computer, Gameboy oder andere vorgefertigte „Spielzeuge“.

Das Erlebnis in einer Gruppe die Natur und sich selbst zu erfahren und zu erleben, ist nur noch den wenigsten Kindern gegönnt, außerdem haben die Kinder kaum noch Möglichkeiten, ihrer Phantasie freien Lauf zu lassen.

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„Die Festlegung auf vorbestimmte Funktionen ist in den meisten, von Erwachsenen geschaffenen Spiel – und Bewegungswelten für Kinder erkennbar. So kann zum Beispiel außer einem Sandkasten nichts verändert, gestaltet und hergestellt werden. Alle Dinge sind fest verankert und die Kinder sollen mit ihnen nur das Geplante tun können. Sie können sich in solche Welten nicht als Subjekte mit eigener Phantasie, Spiellust, Gestaltungskraft einbringen, verlernen infolgedessen den Umgang mit Materialien und Räumen, deren Zweckbestimmung nicht festgelegt ist und sie verlernen, gestaltend tätig zu werden“ (Auszug aus „Vorprogrammierte Kindheit“ von Karl-Heinz Leist, Zeitschrift Grundschule, März 1992).

„Die Waldracker“ möchten das Konzept des Waldkindergartens als Bereicherung verstanden wissen, denn ein Waldkindergarten bietet alles, was ein normaler Kindergarten auch hat – und noch einiges mehr. Der Standort- in Rücksprache mit dem zuständigen Revierförster Wolfgang Brake und dem Amtsleiter des Hessischen Forstamts Weilmünster Johannes Maasen haben wir uns auf ein Geländeabschnitt am Möttauer Weiher verständigt – ist Teil des Staatswaldes Abt. 55 B, Gemarkung Möttau. Da es sich beim Möttauer Weiher um ein ausgewiesenes Naherholungsgebiet handelt, ist die Jagd ohnehin aufgrund der Erholungssuchenden beeinträchtigt, so dass die Jagdpächter keine erhebliche zusätzliche Beeinträchtigung durch die Kinder sehen und ihr Einverständnis erklärt haben.

Im März 2001 hat eine Ortsbegehung mit allen für den Waldkindergarten relevanten Instanzen stattgefunden. Anwesend waren: Bürgermeister Manfred Heep (Weilmünster), Herr Moos (Kreisjugendamt Wetzlar), Herr Muth (Kreisjugendamt Limburg), Herr Lübke (Untere Naturschutzbehörde Limburg), Herr Maasen (Hessisches Forstamt Weilmünster), Herr Brake (zuständiger Revierförster), Herr Ziemek (Hessisches Naturschutzzentrum Wetzlar), Frau Cohrs (1. Vorsitzende der Waldracker), Frau Pauthner-Gaar (2. Vorsitzende der Waldracker) und Frau Trantel (Schriftführerin der Waldracker). Sie alle verständigten sich darüber, dass das Gelände sehr abwechslungsreich ist und von daher für den Betrieb eines Waldkindergartens geeignet sei.

Außerdem wurde das Bürgerhaus Möttau besichtigt, das als Ausweichquartier bei extremen Witterungsverhältnissen genutzt werden soll.

Für alle drei Gemeinden ist der Standort Möttauer Weiher gut erreichbar, nicht zuletzt durch die zentrale Anbindung durch die B 456.

 

Der Waldkindergarten

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Der Waldkindergarten ist ein ganz normaler Kindergarten. In ihm wird gespielt, gelernt, gebastelt, getobt, gesungen und noch vieles mehr. Der zentrale Punkt des Konzepts ist klar: Der Kindergartenalltag wird ganzjährig in die Natur verlegt.

Eine Gruppe von bis zu 20 Kindern verbringt mit drei ErzieherInnen den Vormittag für ca. 5 Stunden im Wald. Treffpunkt ist der Parkplatz am Möttauer Weiher. Von hier aus zieht die Gruppe mit dem Bollerwagen in den Wald. Wie bei anderen Waldkindergärten wird ein Handy für Notfälle, ein Verbandskasten, eine große Plane, falls es regnet, Ersatzkleidung, evtl. Werkzeug, Bestimmungsbücher, Vorlesebücher, Mal-und ggf. Bastelutensilien etc. mitgeführt.

Tragende und strukturierende Elemente des Kindergartenalltags sind:  Morgenkreis, Frühstück, Freispiel, Angebote/Projekte und Abschlusskreis.

Was das Konzept, den Aufbau und die Organisation des Waldkindergartens betrifft, fanden wir große Unterstützung in dem Austausch mit den Erzieherinnen des Waldkindergartens „Wichtelland“ in Wehrheim – Pfaffenwiesbach und dem Vorstand des Waldkindergartens „Matsche Pampe“ in Karben-Bad Vilbel. Bei beiden handelte es sich um Einrichtungen, die bereits ca. drei Jahren vor unserer Gründung erfolgreich waren und Wartelisten führten. Mittlerweile verfügt der Kindergarten selbst über ein breites Erfahrungsspektrum und eine Vielzahl von Hospitanten, Praktikanten und Interessierten haben uns im Lauf der Jahre besucht, um sich über unser besonderes Konzept zu informieren.

 

Vorteile des Waldkindergartens

– Ausleben des natürlichen Bewegungsdranges an der frischen Luft ohne künstliche Grenzen

– weniger Lärm und Stress als in geschlossenen Räumen und dadurch größerer Aggressionsabbau

– das Wahrnehmen und das Kennenlernen der Natur und der natürlichen Kreisläufe wie z.B. die Jahreszeiten

– eine Sensibilisierung für die Natur und die Stille

– das Erlernen eines behutsamen Umganges mit Lebewesen und unserer Umwelt

– Anregen der Kreativität und der Phantasie:  Gespielt wird mit dem, was der Wald zu bieten hat

– Erfahren körperlicher Stärken und Grenzen durch vielfältige natürliche Bewegungsanreize

–  Stärkung des Immunsystems an der frischen Luft

– volle Aufmerksamkeit der ErzieherInnen, da sie weder durch das Telefon noch durch organisatorische Dinge gestört werden

– das Einüben sinnvoller und nachvollziehbarer Regeln, die sich unmittelbar aus dem Aufenthalt in freier Natur und den Besonderheiten des Geländes ergeben

Weiteres wichtiges Elemente ist das ganzheitliches Lernen: Kinder nehmen die Welt weniger mit dem Kopf, also mit ihren geistigen Fähigkeiten, über das Denken und Vorstellen auf, vielmehr lernen sie über die Sinne, über ihre Tätigkeiten und mit ihrem Körper. Hier kann gerade der Waldkindergarten eine optimale Förderung bieten.

Vorteile des Waldkindergartens

Der Wald stimuliert und erholt die Sinne zugleich. Das Sehen, Hören, Riechen, Fühlen und Tasten wird ebenso gefördert, wie die Grob- und Feinmotorik und der Gleichgewichtssinn. Die Übergänge sind fließend. Je vielfältiger sensorische Funktionen geübt werden, um so sicherer wird das Kind in seinen Bewegungen und um so besser gelingt ihm die Auseinandersetzung mit seiner Umwelt.

Förderung der Sinne

Körperbewegungen sind für die Entwicklung des Gleichgewichtssinns und der Bewegungsempfindung unerlässlich. Nur bei Aktivität findet eine optimale Entwicklung statt. Je mehr Nervenverbindungen eine Person hat, desto größer ist ihr Lernvermögen. Das macht ihre wahre Intelligenz aus. Werden diese Nervenverbindungen in der frühen Kindheit durch Reizung der Sinnesorgane und der Bewegungsaktivität gefördert, bleiben sie bei der betreffenden Person für den Rest ihres Lebens relativ konstant.

Soziales Lernen

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Der Wald bietet den Kindern einen Raum mit vielen Freiheiten und setzt natürliche Grenzen. Jedes Kind hat die Freiheit mit anderen Kindern zu spielen, sich lieber zurückzuziehen oder jemandem aus dem Weg zu gehen, was sich positiv auf das Sozial- und Konfliktverhalten der Kinder auswirkt.

Sie lernen einander zu helfen. Viele Aktionen sind oft nur mit Hilfe aller möglich, wenn z.B. eine Wippe gebaut werden soll und dafür ein Baumstamm auf einen anderen gelegt werden muss.

Die soziale Interaktion, die Mithilfe aller ist selbstverständlich im Alltag eines Waldkindergartens. Durch immer wieder neues Definieren von Naturmaterialien und Spielsituationen wird die sprachliche Entwicklung auf natürliche Weise gefördert.

Positive Selbsteinschätzung

Im Wald erfahren die Kinder immer wieder die Grenzen am eigenen Körper. So gilt es, umgekippte Baumstämme zu überwinden oder auf ihnen entlang zu balancieren oder Steine zu tragen. Wem es anfangs nicht gelingt, der wird sich um so mehr über die eigene Leistung freuen, wenn das Überwinden von Hindernissen letztendlich doch klappt.

Im Laufe der Zeit eignen sich die Kinder aufgrund solcher Erfahrungen eine realistische und positive Selbsteinschätzung an, wodurch auch das Selbstwertgefühl gestärkt wird.

Natur erleben und begreifen

Die Kinder haben die Gelegenheit, ihre eigenen direkten Erfahrungen im Erfahrungs- und Lebensraum Wald selbst zu machen. Es handelt sich hierbei um Dinge, die Kinder sonst häufig nur aus Bilderbüchern kennen. Z.B. warum ist der Frühling bunt, duftend, laut, voller Leben und Bewegung? Warum ist der Winter aber still, starr und arm an Farben und Gerüchen? Von wem kommen die Spuren im Schnee?…

Suchtprävention

Ganz wichtig ist: Es gibt kein „Spielzeug“. Gespielt wird mit dem, was der Wald hergibt und der Phantasie kann freien Lauf gelassen werden. Somit gestalten die Kinder ihren Vormittag im Waldkindergarten ohne Abhängigkeiten von diversen Spielsachen. In der Pädagogik stellt dies einen wichtigen Aspekt in der frühen Suchtprävention dar, da einer passiven Konsumhaltung entgegen gewirkt wird und die Kinder immer wieder angeregt werden, aus sich selbst heraus aktiv zu werden.

Umwelterziehung

Die Umwelterziehung stellt ein wichtiges Kriterium im Konzept Waldkindergarten dar. Durch das tägliche Leben und Erleben von Wald und Natur begreifen die Kinder den Wechsel der Jahreszeiten, lernen einfache Abfolgen und Phänomene der Natur kennen. Denn durch das Entdecken und Erforschen der Geheimnisse der Natur wird den Kinder der Weg bereitet, später Verantwortung zu übernehmen und sich für den  Schutz der Natur einzusetzen.

Nur was Kinder kennen, können sie auch schützen.